„Die Noten haben überlebt, die Menschen starben“, sagt Waltraud Lehner. Sie ist die szenische Leiterin der Opernschule der Münchner Musikhochschule und verantwortlich für deren Reihe Musiktheater in der Reaktorhalle. Dort inszeniert sie zusammen mit Paulina Platzer den „Kaiser von Atlantis“, baut das einstündige Werk zu einem großen Abend aus.
Die Parabel über den Krieg, das Lager und den Naziwahnsinn, voller Zitate (Bach, Weill, Mahler) und grandioser musikalischer Einfälle, ergänzt der musikalische Leiter Daniel Johannes Mayr durch Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ (beide Figuren könnten aus der Oper stammen), für Orchester arrangiert, bearbeitet und weitergeführt von der Kompositionsstudentin Chiung-Wen Hsu. Diese arrangierte auch das Lied „In mir klingt ein Leid“ neu, eigentlich ein Unterhaltungsschmachtfetzen, basierend auf einer Chopin-Etüde. In Auschwitz schrieb die Geigerin Alma Rosé, Nichte Gustav Mahlers und Leiterin des sogenannten Mädchenorchesters des Vernichtungslagers, dafür einen neuen Text. Wenig später wurde sie ermordet.
Bei einer Probe einige Tage vor der Premiere erlebt man dann einen Moment, der zeigt, warum diese Aufführung sogar noch jenseits ihres zeitlos politischen Gehalts sein muss. Die Mezzosopranistin Maria van Hoof, Studierende wie alle Mitwirkenden hier, tritt seitlich von der Bühne, die an den Rundtempel von Delphi erinnert. Sie singt das Lied, Rosés Text, singt von verlorenen Wünschen, Sehnsüchten, will nur „Frieden für mein Herz“. Das ist unfassbar anrührend, das ergreift einen vollkommen, machtlos sitzt man Maria van Hoof gegenüber, getroffen tief ins eigene Herz.
Die Inszenierung von Waltraud Lehner verzichtet in der Reaktorhalle auf vordergründige NS-Symbolik; das Grauen kommt auch so schneidend durch. Auf der Drehbühne baut Patrik Tircher ein Atlantis aus weißen Blöcken: Thron, Machtzentrum, Versuchsanordnung - und von Anfang an dem Zerfall preisgegeben. Darüber hängt eine geneigte Rundscheibe, Projektsfläche und ferner Planet zugleich, wie einst das Schwert des Damokles. Kein Ort, eher ein kalter Aggregatzustand der Zivilisation.
Was als Allmachtsfantasie beginnt, kippt ins groteske Elend: sterbendes Leben ohne Erlösung. Die Regie findet dafür starke Bilder, etwa den Roboterhund - halb Spielzeug, halb Überwachungsapparat, ein kaltes Echo degenerierter Menschlichkeit. Das ist unheimlich ohne platt zu werden. Das Ensemble trägt das mit einer Präzision, die man von Studenten einer Musikhochschule nicht selbstverständlich erwarten darf.
Der zweite, neu konzipierte Teil ist deshalb mehr als ein Nachsatz. Versatzstücke aus Ullmanns Oper begegnen Schubert, Chopin und Bearbeitungen von Chiung-Wen Hsu. Auf der Rundscheibe läuft eine Geschichte des Krieges ab, von der Höhlenmalerei bis zur Atombombe - in seiner Konsquenz folgerichtig: Der Machtapparat wechselt die Maske, nicht sein Prinzip.
"Seid Menschen!" Dieses Zitat der unvergessenen Margot Friedländer schwebt nicht ohne Grund über diesem Opernprojekt MIR des Münchner Hochschule für Musik und Theater.
Das Orchester entfaltet unter der Leitung von Daniel Johannes Mayr eine konzentrierte Energie, die mich keinen Moment unaufmerksam bleiben lässt. Ein sehr gutes sängerisches Ensemble, das im choralen Miteinander einen extrem präzisen Klang formt. Eine Oper, die in die Zeit passt. Und! Ein utopisches Ende, das mich den Mut und die Hoffnung nicht verlieren lässt. Toll!
