BIN ICH EIN MENSCH?

 

Viktor Ullmann

Der Kaiser von Atlantis

oder die Tod-Verweigerung

Spiel in einem Akt und vier Bildern

Libretto Peter Kien

 

Der Tod will nicht mehr. Und nimmt damit dem Kaiser Overall, der den „großen segensreichen Krieg aller gegen alle“ ausrufen ließ, mit einem Streich seine Macht. Wer soll den Kaiser von Atlantis noch fürchten, wenn niemand mehr sterben kann? Der Segen der Unsterblichkeit kehrt sich in den Schrecken des ewigen Lebens um: was geschieht, wenn es für die Menschen keine Erlösung mehr gibt?

Entstanden 1943/1944 im nationalsozialistischen "Vorzeigelager" Theresien-stadt entwirft „Der Kaiser von Atlantis oder Die Todverweigergung“ von Viktor Ullmann eine visionäre Parabel des Widerstands, die nach 80 Jahren erschreckend aktuell ist: Ein Plädoyer für den Frieden und die Autonomie des Menschen gegen den totalitären Machtanspruch von unberechenbaren Herrschern, und die Geburt des Menschen aus dem Geiste der Violenz.

Das MIR 2026 befragt „das Spiel in einem Akt“, wie Entscheidungen, Verantwortung und Mitgefühl von Menschen in einem dynamischen System auf die Probe gestellt werden? Es wird zu einem aktiven Spiegel unserer heutigen Gesellschaft: Wer ist Opfer, wer ist Täter, wer geht über Leichen, wer widersetzt sich, und was bedeutet es, in Extremsituationen Mensch zu bleiben?


„Die Noten haben überlebt, die Menschen starben“

„Die Noten haben überlebt, die Menschen starben“, sagt Waltraud Lehner. Sie ist die szenische Leiterin der Opernschule der Münchner Musikhochschule und verantwortlich für deren Reihe Musiktheater in der Reaktorhalle. Dort inszeniert sie zusammen mit Paulina Platzer den „Kaiser von Atlantis“, baut das einstündige Werk zu einem großen Abend aus.

Bei einer Probe einige Tage vor der Premiere erlebt man dann einen Moment, der zeigt, warum diese Aufführung sogar noch jenseits ihres zeitlos politischen Gehalts sein muss. Die Mezzosopranistin Maria van Hoof, Studierende wie alle Mitwirkenden hier, tritt seitlich von der Bühne, die an den Rundtempel von Delphi erinnert. Sie singt das Lied, Rosés Text, singt von verlorenen Wünschen, Sehnsüchten, will nur „Frieden für mein Herz“. Das ist unfassbar anrührend, das ergreift einen vollkommen, machtlos sitzt man Maria van Hoof gegenüber, getroffen tief ins eigene Herz.

 

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 23. April 2026