Kritiken

zu «La Traviata»

Süddeutsche Zeitung , 17. Juni 2013 - Klaus Kalchschmid
Verliebt, verwelkt, verwandelbar - Verdis "La Traviata" mit klar gezeichneten Charakteren

An Schwindsucht stirbt heute niemand mehr, auch keine Prostituierte, an Krebs aber schon. Wenn also in Waltraud Lehners Inszenierung von Verdis unsterblicher „La Traviata“ in der ehemaligen Reithalle von Gut Immling die todkranke Violetta im dritten Akt im selben unschuldigen Sommerkleid auftritt, das Symbol der Abkehr vom mondänen Pariser Leben war (Kostuüme: Yvonne Forster), braucht sie nur die Perücke vom Kopf zu ziehen und wir wissen, dass da ein Leben zu Ende geht.

Einzig ein Dutzend mannigfaltig verschiebbarer grauer Sessel und vier hohe drehbare Türen bilden das trotz seiner Reduktion großartig wandelbare Bühnenbild (Elisabeth Pedress) (...).
Die berühmte Kamelie, die Violetta Alfredo mit dem Versprechen gibt, wiederkommen zu dürfen, wenn sie verwelkt ist – also am nächsten Tag–, wird in dieser Inszenierung zum Leitmotiv: nicht Geld wirft Alfredo Violetta angesichts ihrer vermeintlichen Untreue ins Gesicht, sondern eine Kamelie, und am Ende erhält er von der Sterbenden statt ihres Bildes eine in ihrem Tagebuch getrocknete Blüte.
Waltraud Lehner gelingt es, die Figuren scharf zu zeichnen: Hier der verliebte junge Mann, Alfredo Germont, den man zum Toast auf Violetta geradezu zwingt, während in diesem Moment einer Torte als Amor-Parodie vier halbnackte Jungs mit weißen Flügeln (...) entspringen, die später in der zweiten Ball-Szene den nicht minder zweideutigen Auftritt der Toreros mimen.

Dort der Vater, der Violetta zum Verzicht auf seinen Sohn zwingen will, dabei die körperliche Nähe zu ihr sucht und dann, wie zum Hohn, den mitgebrachten Strauß weißer Lilien erst auswickelt, als er sein Ziel erreicht hat. Am Ende küsst er die Widerstrebende gar auf den Mund: einmal Hure, immer Hure. (...)

Abendzeitung München , 17. Juni 2013 - Adrian Prechtel
Das Gefühl, dabei zu sein

Auf Gut Immling hat das 17. Opernfestival mit Verdis „La Traviata“ im Chiemgau eröffnet. Und wieder beweist Intendant Ludwig Baumann, dass hohes Niveau abseits der Städte möglich ist.

Diese Oper beweist, dass gerade im wiegenden Dreivierteltakt – wenn also „alles Walzer“ ist – immer auch Melancholie in der Luft liegt. Die steht in einem prickelnden Gegensatz zur sommerlichen Festspielatmosphäre des einsamen Gutshofs mit weitem Blick Richtung Inn. Die erste große Premiere: Verdis oft gespielte „Traviata“, die sich hier packend und musikalisch perfekt zeigt.

Der von zehn Profisängern unterstützte Laienchor (letztlich wir selbst) in modernen schwarzgrauen Business-Kostümen wird in dieser klaren, einfallsreichen Inszenierung (Waltraud Lehner) dezent als lauernde Moral-Bestie interpretiert: Da blitzen für einen Moment die Champagnergläser wie Messer auf, als ob man die hassgeliebte Edelkourtisane Violetta niederstechen wollte. Dann wieder gibt es feiersüchtige Zuprost-La-Olas, und Bauern-Teeniejungs mit hippen Untercut-Frisuren steigen als Amoretten mit Luftballons aus einer „Some like-it-hot“-Torte oder sind Lust-Torreros auf einer Feier der Gastgeberin Flora (Julia Stein).

Bei allen originellen Einfällen ist die Inszenierung, mit elegant-kühlen schnörkellosen Sesseln, nie vergagt und bis in die Blumendekorationsdetails intelligent. Nicht nur durch den großzügig intimen Rahmen des großen Stadls ist der Zuschauer nah am Geschehen. Die Bühne läuft um das sichtbare Orchester herum, so dass man der Musik zuschauen kann, überragt von Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock. „Der Klang unserer Stadt“ wurde ins Chiemgau ausgeliehen, die Münchner Symphoniker sind das gut disponierte Opernorchester, dirigiert gemittet und ohne Mätzchen, aber mit packend bedrohlichen Todesposaunen.

Das Problem der Verdi-Komposition und der mitreißenden Persönlichkeit von Sonia Ciani, die Simone-Kermes-ähnlich eigentlich zu vital ist für eine Kranke, löst die stimmschöne Römerin durch Gefühlsintensität. Überhaupt gelang es dem italienischen Sängerpaar (mit Fulvio Oberto als Alfredo), das Publikum so zu erschüttern, dass viele schluchzten. Dazu trug auch der Regieeinfall bei, die heute besiegte Schwindsucht durch Krebskrankheit zu ersetzen – was das Entsetzen bei aller musikalischen Schönheit steigerte. Ergriffener Jubel.

BR KLASSIK , 16. Juni 2013 - Michael Atzinger
Premiere mit "La Traviata"

Manchmal kann große Oper so einfach sein: Vier riesige drehbare Wände vor schwarzem Hintergrund markieren - mit unterschiedlichen Bespannungen und immer wieder anders beleuchtet - die Schauplätze von Verdis "Traviata". Ausladende graue Sessel als einzige Requisiten auf der nicht tiefen, aber sehr breiten Bühne von Immling sind trautes Heim und Krankenbett. Im zweiten Akt, beim großen Fest im Pariser Salon der Flora Bervoix, werden sie zu einer Art Wagenburg zusammengeschoben, um Alfredo zu zeigen, dass man ihn hier nicht haben will.

In fadem Einheitsgrau präsentiert sich auch die Pariser Schickeria und das sagt so viel mehr aus über die Leblosigkeit und Selbstbezogenheit dieser Welt als jedes Glitzerkostüm. Alfredo und Violetta auf der Suche nach ihrem kleinen privaten Glück passen da nicht rein. Fest verwurzelt in dieser Gesellschaft ist Vater Germont: der rumänische Bariton Adrian Marcan gibt ihn als schmieriges, berechnendes Vater-Monster. Dieser Alte lügt, wenn er den Mund aufmacht, hält Violetta einen Vortrag über Moral und versucht gleichzeitig, sich an sie heranzuwanzen. Marcan singt prächtig und völlig unsentimental, sein Rollenporträt lässt dem Kitsch, der in vielen "Traviata"-Inszenierungen diese Szene verklebt, keine Chance.

Völlig kitschfrei auch das elegante und präzise Dirigat von Cornelia von Kerssenbrock: die Münchner Symphoniker geben den großen Chorszenen mit üppigem Klangteppich ein sicheres Fundament, überzeugen aber vor allem mit Mut zum zarten Gefühl, mit wehmütiger Verhaltenheit im Dienst des zentralen Liebespaars. Mit verzweifeltem Furor kämpfen Violetta und Alfredo um ihre Liebe: die zierliche Sonia Ciani und der sportlich-quirlige Fulvio Oberto. Beide zwar körperliche, jedoch keine vokalen Leichtgewichte: sie mit leidenschaftlich herausgestoßenen, aber sicher gesetzten  Koloraturen und ansatzlos in den Raum geschickten Pianissimi; er mit viel, manchmal zu viel emotionalem Überdruck und fulminanter Höhe. Furios und präsent der Immlinger Festivalchor, bewegungstechnisch geschickt geführt von der Regisseurin Waltraud Lehner, der (zusammen mit Elisabeth Pedross, Bühne, und Yvonne Forster, Kostüme) ein überzeugendes Kammerspiel ohne Mätzchen gelingt. Violetta muss in dieser Inszenierung nicht ein einziges Mal husten, sie muss sich nicht vor Krämpfen winden, sie muss sich im Schlussbild nur langsam die Perücke vom Kopf ziehen. Und dann steht sie da, kahlköpfig und barfuß, in ihrem ärmellosen Sommerkleidchen, mit einem hauchzarten Tuch um den Hals. Noch einmal bringt ihr Alfredo (wie schon zu Beginn) Pizza vom Italiener um die Ecke. Zu spät, Sie stirbt, aber nicht an Tuberkulose, sondern an der Gesellschaft, in der sie lebt.

Münchner Merkur , 17. Juni 2013 - Anna Schürmer
Bayerns zweiter Grüner Hügel Das 17. Opernfestival auf Gut Immling wurde mit Waltraud Lehners Inszenierung von Verdis „La Traviata“ eröffnet.

Das Hochwasser läuft langsam ab, die Lage am Chiemsee beruhigt sich. Wo sich vor wenigen Tagen noch Kuhweiden in Seen verwandelt haben, pendeln jetzt Shuttlebusse nach Gut Immling, wo am Samstag das 17. Opernfestival mit der Premiere von Giuseppe Verdis „La Traviata“ eröffnet wurde.

„Land unter!“ heißt es auch für Verdis schwerkranke Protagonistin, die Mätresse Violetta. Von der feinen Pariser Gesellschaft geächtet, findet sie die wahre Liebe und kurz darauf den Tod. Die Münchner Regisseurin Waltraud Lehner konserviert den berührenden Stoff nach Alexandre Dumas’ „Kameliendame“ in einer zeitlos schlichten Inszenierung. Überdimensionale Türelemente und graue Polstermöbel bilden die Kulisse, bereichert um gut platzierte, moderne Accessoires: Stroboskoplicht und mondäne Jünglinge symbolisieren die Ausschweifungen der Pariser Halbwelt im ersten, Pizzaschachteln das vergängliche Glück im zweiten Akt. Die Glatze der vom Tod gezeichneten Violetta symbolisiert Krebs anstelle von Tuberkulose und verlegt damit die Angst vor einer tödlichen Krankheit in unsere Zeit.

Die Besetzung ist schlicht grandios. Die rotmähnige Römerin Sonia Ciani ist als Violetta nicht nur äußerlich, sondern insbesondere auch stimmlich hinreißend. Ähnliches gilt für ihren Partner Fulvio Oberto als Alfredo Germont. Als schönes, musikalisch wie schauspielerisch überzeugendes Paar bilden sie das Herz der Inszenierung. Ihre Arien werden in der ausverkauften und zum Saal umfunktionierten ehemaligen Reithalle mit frenetischem Zwischenapplaus gefeiert. Er gilt auch Bariton Adrian Marcan als Alfredos zunächst verbohrter, dann reuiger Vater Giorgio. Die Münchner Symphoniker flankieren die Solisten über weite Strecken souverän.

Der besondere Reiz des Opernfestivals auf Gut Immling gründet auf der familiären Atmosphäre. Intendant Ludwig Baumann und die musikalische Leiterin Cornelia von Kerssenbrock bilden den konstanten Kern des Festivals. Mit dem Engagement von Regisseurin Waltraud Lehner liegen die künstlerischen Schlüsselpositionen in weiblichen Händen. Dirigentinnen wie Kerssenbrock, die ohne großes Getue, engagiert, aber unaufgeregt durch die Musik führt, machen den „zweiten Grünen Hügel Bayerns“, wie Staatsminister Wolfgang Heubisch das Opernfestival lobt, zu einem Bayreuth der anderen Art.

Im Gegensatz zum fränkischen Original ist die Atmosphäre im Chiemgau gelöst und kaum hermetisch. Der Weg zum abgelegenen Gutshof ist umständlich, der Blick berauschend. Beides gehört zum Programm und dem besonderen Charme der Veranstaltungen, die mit musikalischer Qualität zu einem überzeugenden Gesamtpaket geschnürt werden. Wer einen sommerlichen Ausflug ins Voralpenland mit einem Opernbesuch der besonderen Güte verbinden will, ist auf Gut Immling gerade richtig.